Das Ich und das Fremde – Rede von Carmen Priego bei der Demo des Bündnis gegen Rechts am 21.09.2015

Das Ich und das Fremde – Rede von Carmen Priego bei der Demo des Bündnis gegen Rechts am 21.09.2015

Ich möchte versuchen, etwas über das Ich und das Fremde sagen.

Ich schätze fast jeder auf diesem Platz hat das Bild des kleinen toten Jungen gesehen, dessen Leichnam in der Türkei an den Strand gespült wurde, hat gesehen wie der türkische Polizist vor ihm kniet, fassungslos und dann zart den kleinen Körper hochhebt und wegträgt. Und jeder der Kinder hat weiß, wie sich das Gewicht dieser kleinen Körper in unseren Armen anfühlt, wenn sie auf dem Sofa eingeschlafen sind und wir sie ins Bett tragen. Also können wir zutiefst fühlen, dass es infam und falsch ist, wenn ein Kind so sterben muss. Ich habe geweint und viele andere haben das auch, und das Gefühl, dass wir unbedingt helfen müssen hat viele Menschen in Deutschland ergriffen. Und das ist gut so.

Aber es ist auch einfach, eben weil etwas in uns berührt wird, das wir kennen. Aber was ist mit jenen, die wir nicht kennen, die uns fremd sind, die wir nicht verstehen und die in unsere Welt treten? Wie lange wird das Gefühl anhalten, dass wir helfen müssen?

Die große Fremde der abendländischen Theaterliteratur heißt MEDEA, die Schwarze aus Kolchis, die mit ihrem griechischen Mann Jason in seine Heimat Griechenland kommt und dort zur Projektionsfläche für das Unzivilisierte, Dunkle, Wilde wird. Als Jason Medea loswerden will, denn jetzt in seiner Heimat, wo er unter Gleichen ist, ist ihm ihr ANDERSSEIN unerträglich, sagt er folgende sehr interessante Worte zu ihr:(Das Stück ist 2000 Jahre alt): „Entsetzliche! Was rasest du gegen mich? Machst mir zu Wesen meiner Träume Schatten, hältst mir mein Ich vor in des Deinen Spiegel.

Man geht heute davon aus, dass bis zu 95 Prozent dessen, was wir als unser Ich empfinden im Schatten, im Unbewussten liegt, mit anderen Worten wir selbst sind uns völlig fremd, sind uns selbst ein unbekanntes Land und alles was wir nicht sein wollen, sollen und können, sehen wir im Spiegel des Anderen, des Fremden. Und dieser Fremde kann viele Formen annehmen, natürlich der Migrant, der Flüchtling, der Asylant. Aber auch der Biegida-Anhänger, auch er formuliert uns mit. Was ist wenn alle alten Sachen aus unseren Kellern verschenkt und alle Hilfspakete verschickt sind? Sind wir bereit auf unsere SUVs und unsere Urlaubsreise nach Thailand zu verzichten für Fremde? Sind wir bereit Fragen an eine menschenverachtende Wirtschaftsordnung zu stellen, von der WIR profitieren, die aber immer mehr Flüchtlinge und Tote produziert?

Und deswegen könnte es vielleicht gut sein unsere Hilfsbereitschaft nicht nur auf Gefühle zu gründen, sondern auf die Einsicht dessen was RICHTIG ist.

Auf die Einsicht, dass wir nur durch den Fremden, den Anderen existieren. Wenn ich den Fremden wegwische, wische ich mich selbst weg.

Der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski hat sein Leben auf Reisen durch Afrika und Asien verbracht und war dort natürlich „der Fremde“, so dass er mit der Zeit von sich selbst als „mein Anderer“ sprach. Wir sind alle „unser Anderer“.

Moritz Rinke, ein Theaterautor hat letztens über Emmanuel Levinas gesprochen, ein Philosoph, der folgendes sagte: „Der Mensch ist ein verrücktes Tier, er ist sogar dazu fähig, einem Anderen gegenüberzusitzen, ihn anzusehen und in dessen Antlitz die unendliche Fremdheit zu betrachten und dann wird ihn plötzlich die ganze Menschheit ansehen. Und die Spur des Unendlichen im Antlitz des anderen macht den Anderen unendlich kostbar.

Wir gehören alle dazu.

WortwolkeRede

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